E-Ranking im Taekwondo: Wie werden die Punkte berechnet – und wozu braucht man sie?
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Im europäischen Turnierkalender stehen neben vielen Veranstaltungen Kürzel wie E1, E2, E3, E6 oder E10. Auf den ersten Blick scheint das einfach: Je höher die Zahl, desto höher kann der Multiplikator für die Rankingpunkte sein.
Sobald man sich aber das echte Profil eines Athleten anschaut, kommen schnell Fragen auf.
Warum gibt es für Gold bei einem Turnier 10 Punkte, bei einem anderen 30 Punkte – und für ein E3-Gold aus dem Vorjahr später nur noch 22,50? Warum kann ein Sportler gleichzeitig in -55 kg, -59 kg und -63 kg in der Rangliste auftauchen?
Und vor allem: Was bringt dieses Ranking außer einer Zahl neben dem Namen?
Die kurze Antwort: Es kann die Setzung beeinflussen, Wege zu geschlossenen Spitzenturnieren öffnen und die Saisonplanung verändern. Dafür muss man aber verstehen, zu welcher Alters- und Gewichtsklasse die Punkte gehören und wie aktuell die jeweilige Regelung ist.
Was ist das European Ranking?
Europe Taekwondo führt für Cadets und Juniors eigene Ranglisten nach Gewichtsklassen.
Rankingpunkte entstehen bei Veranstaltungen, denen Europe Taekwondo einen entsprechenden Grade zugeordnet hat. In aktuellen Kalendern und Ausschreibungen findet man dafür Bezeichnungen wie E1, E2, E3 oder höhere E-Grades.
Wichtig ist: Das ist nicht dasselbe wie das World Taekwondo Ranking der Senioren.
Für einen Junior ist zunächst seine Position im European Junior Ranking der eigenen Gewichtsklasse relevant. Für Cadets gilt dasselbe innerhalb des European Cadet Ranking.
Wie werden die Punkte berechnet?
Die Grundformel ist einfach:
Basispunkte der Platzierung × Grade des Turniers = Rankingpunkte
Für die Platzierung nennt das von Europe Taekwondo veröffentlichte Ranking-Bylaw folgende Basiswerte:
- Platz: 10,00 Punkte
- Platz: 6,00 Punkte
- Platz: 3,60 Punkte
- Platz: 2,16 Punkte
- Platz: 1,512 Punkte
- Platz: ungefähr 1,06 Punkte
- Platz: ungefähr 0,74 Punkte
- Platz: ungefähr 0,52 Punkte
Danach wird dieser Wert mit dem Grade des Turniers multipliziert. Das Ergebnis wird auf zwei Dezimalstellen geführt.
Dabei muss man zwei Quellenstände zusammendenken: Das auf der offiziellen Regelwerksseite weiterhin verlinkte European Ranking Bylaw stammt aus dem Jahr 2019 und verwendet in seiner Punktetabelle noch ältere Grade-Bezeichnungen. Der aktuelle Europe-Taekwondo-Kalender arbeitet für Cadets und Juniors mit E-Grades. Für die praktische Rechnung braucht man deshalb den Basiswert aus dem Regelwerk und den aktuell veröffentlichten Grade des konkreten Turniers.
Die Grundrechnung
Aus Platzierung und Grade wird der Punktwert.
Ein paar Beispiele:
- Gold bei E1: 10 × 1 = 10 Punkte
- Silber bei E2: 6 × 2 = 12 Punkte
- Gold bei E3: 10 × 3 = 30 Punkte
- Platz 9 bei E6: ungefähr 1,512 × 6 = rund 9,1 Punkte
- Gold bei E10: 10 × 10 = 100 Punkte
Zwei Goldmedaillen können für das Ranking also einen völlig unterschiedlichen Wert haben.
So sieht das in einem Athletenprofil aus
Im ausgewerteten European-Ranking-Profil unseres Sportlers Emil lässt sich die Rechnung gut nachvollziehen. Der Profilstand ist dabei immer nur eine Momentaufnahme: Rangplätze und Punktwerte können sich mit neuen Ergebnissen und dem Alter der vorhandenen Ergebnisse verändern.
In Junior -59 kg waren für 2026 unter anderem eingetragen:
German Open – 1. Platz → 10,00 Punkte E1.
Portugal Open – 1. Platz → 10,00 Punkte Ebenfalls E1.
WT President’s Cup Europe – 1. Platz → 30,00 Punkte Für Juniors E3.
Lux Open – 2. Platz → 6,00 Punkte E1.
In -63 kg:
Swiss Open – 2. Platz → 12,00 Punkte E2.
Die Logik ist im Profil direkt sichtbar: Basispunkte × E-Grade.
Warum bringen ältere Ergebnisse weniger Punkte?
Das ist wahrscheinlich der Teil, der beim ersten Blick auf ein Ranking am meisten verwirrt.
Gold bei einem E3-Turnier ergibt zunächst 30 Punkte. Beim Top Tirana Trophy 2025 E3 standen im späteren Profil aber nur noch 22,50 Punkte.
Das ist kein Rechenfehler. Rankingpunkte verlieren mit der Zeit einen Teil ihres ursprünglichen Wertes.
Das veröffentlichte European Ranking Bylaw beschreibt einen rollierenden, maximal dreijährigen Zeitraum. Nach jedem abgeschlossenen Jahr werden 25 Prozent der ursprünglichen Punkte abgezogen. Vereinfacht bedeutet das:
- bis zum ersten jährlichen Abzug: 100 Prozent
- danach: 75 Prozent
- nach dem zweiten jährlichen Abzug: 50 Prozent
- nach Ablauf des maximalen Dreijahreszeitraums: nicht mehr in der Wertung
Jedes Ergebnis hat seinen eigenen Zeitzyklus. Der Abzug erfolgt nicht für alle Turniere gleichzeitig, sondern bezogen auf den Monat, in dem die Punkte erzielt wurden.
Ein Ergebnis, eigener Zeitzyklus
30 Punkte verlieren ihren Wert stufenweise.
- Start30,00100 Prozent
- 1. Abzug22,5075 Prozent
- 2. Abzug15,0050 Prozent
- Fristende0,00aus der Wertung
Beim Beispiel Tirana sieht die Rechnung so aus:
E3-Gold: 10 × 3 = 30 Punkte
Nach dem ersten jährlichen Abzug:
30 − 25 Prozent des Ausgangswerts = 22,50 Punkte
Ein weiteres Beispiel:
Krasniqi Open 2025, E2, Gold: 10 × 2 = 20 Punkte
Nach dem ersten jährlichen Abzug:
20 − 5 = 15 Punkte
Alte Erfolge verschwinden also nicht sofort. Ihr Einfluss nimmt stufenweise ab.
Die Punkte bleiben in der Gewichtsklasse
Rankingpunkte aus -59 kg werden nicht automatisch nach -63 kg übertragen.
Ein Sportler kann deshalb gleichzeitig in mehreren Gewichtsklassen in der Rangliste auftauchen. Das European Ranking Bylaw sieht ausdrücklich vor, dass die Punkte in der Gewichtsklasse geführt werden, in der sie erzielt wurden.
Drei Gewichtsklassen, drei Wertungen
Punkte wechseln nicht mit dem Sportler die Kategorie.
Der Athlet kann in mehreren Listen erscheinen. Entscheidend ist immer die konkrete Alters- und Gewichtsklasse.
Deshalb ist die Aussage
„Ich bin Dritter in Europa“
zu ungenau.
Besser ist:
„Ich bin Dritter im European Junior Ranking in -59 kg.“
Wenn der Sportler dauerhaft in eine neue Gewichtsklasse wechselt, muss er dort ein eigenes Punktekonto aufbauen. Die alten Ergebnisse bleiben ihrer ursprünglichen Gewichtsklasse zugeordnet.
Beim Wechsel der Altersklasse beginnt ein neues Ranking
Wenn ein Sportler von Cadets zu Juniors oder von Juniors zu Seniors wechselt, nimmt er seine bisherigen Punkte nicht einfach mit.
Das Bylaw sagt ausdrücklich, dass die Ergebnisse und Punkte aus der bisherigen Altersklasse aus der betreffenden Rangliste entfernt werden, sobald der Athlet für diese Altersklasse nicht mehr startberechtigt ist.
Ein gutes Junior-Ranking wird also nicht automatisch zu einem Senior-Ranking.
Das ist für die Saisonplanung wichtig. Viele Punkte im letzten Junior-Jahr können für genau diese Saison wertvoll sein – sie sind aber kein Guthaben für die Seniorenklasse.
Bringt die Teilnahme allein schon Punkte?
Nein.
Das E-Zeichen in der Ausschreibung bedeutet nicht, dass jeder gemeldete Teilnehmer automatisch Punkte bekommt. Die Punkte folgen der erreichten Platzierung und den für das konkrete Event geltenden Bedingungen.
Das veröffentlichte Bylaw enthält für bestimmte Rankingveranstaltungen außerdem eine Mindestkampf-Regel: Mindestens ein tatsächlicher Kampf muss gewonnen werden; ein Bye oder ein Sieg durch Disqualifikation zählt dort nicht als gewonnener Kampf.
Deshalb kann in einem Athletenprofil stehen:
Teilgenommen – 0,00 Punkte.
Welche Fassung und welche Zusatzbedingungen für ein aktuelles E-Event gelten, muss im jeweiligen Outline und in den aktuellen Rankinginformationen geprüft werden. Die Reise zu einem E-Turnier allein erzeugt noch keine Punkte.
Wozu dient die Rangliste?
Hier wird die Rangliste sportlich relevant.
1. Für das Seeding
Bei europäischen Cadet- und Junior-Veranstaltungen wird das Ranking für die Setzung der Athleten verwendet.
Die besser platzierten Sportler werden so über die Liste verteilt, dass sie nicht zufällig alle bereits in den ersten Runden aufeinandertreffen. Das veröffentlichte Bylaw nennt unter anderem European Junior und Cadet Championships, President’s Cup European Edition, Multi European Games, European Club Championships sowie internationale Open-Turniere.
Bei anerkannten Turnieren soll mindestens ein Viertel des Teilnehmerfeldes einer Kategorie anhand des Rankings gesetzt werden. Eine konkrete Ausschreibung kann weiter gehen: Beim European Grand Prix 2025 Series 2 wurden laut Outline sogar alle Athleten nach der zuletzt veröffentlichten European Ranking List gesetzt.
Ein hohes Ranking garantiert keine leichte Auslosung. Es kann aber verhindern, dass zwei Topgesetzte nur wegen des Loses sofort aufeinandertreffen.
2. Als Zugang zum geschlossenen Grand Prix
Beim European Grand Prix gibt es neben Qualifiern auch Plätze, die über die European Ranking List vergeben werden.
Wie viele Plätze über welchen Weg kommen, ist allerdings keine zeitlose Konstante.
Europe Taekwondo veröffentlichte 2024 für das geplante Standardmodell 2025 insgesamt 32 Plätze je Gewichtsklasse:
- 22 über die European Ranking List,
- 8 über einen Qualifier,
- 1 für das Gastgeberland,
- 1 Wild Card.
Eine spätere konkrete Ausschreibung für den Grand Prix 2025 Series 2 nannte zwar weiterhin acht Qualifier-Plätze und einen Gastgeberplatz, regelte die Wild Cards aber anders und vergab alle übrigen Plätze über das Ranking.
Das zeigt: Die Rangliste ist ein realer Zugangsweg, die genaue Quote muss aber immer in der aktuellen Ausschreibung geprüft werden.
Einladungsturniere
Ranking und Qualifier sind zwei mögliche Wege.
Ranking
Direkte Einladung über die aktuelle Ranglistenposition.
Qualifier
Startplatz über ein vorgeschaltetes Qualifikationsturnier.
Die aktuelle Ausschreibung entscheidet. Gastgeberplätze, Wild Cards und die Zahl der Rankingquoten können sich ändern.
Auch beim Grand Prix Final können Rankingplätze eine Rolle spielen. Wie viele Athleten über Ranking, frühere Grand-Prix-Ergebnisse, Gastgeberplatz oder andere Quoten eingeladen werden, entscheidet die jeweilige Saisonregelung.
Wozu gibt es dann Qualifier?
Nicht jeder Athlet kann rechtzeitig genügend Punkte aufbauen.
Ein Sportler ist vielleicht gerade von den Cadets zu den Juniors gewechselt. Ein anderer hat die Gewichtsklasse geändert. Jemand war verletzt oder konnte wichtige Turniere nicht besuchen.
Für solche Situationen kann ein Qualifier einen zweiten sportlichen Weg öffnen.
European Ranking und Qualifikationsturnier sind deshalb keine gegensätzlichen Systeme. Es sind unterschiedliche Wege zu einem Startplatz – sofern die Ausschreibung der betreffenden Saison beide Wege vorsieht.
Ein höherer E‑Grade ist nicht automatisch die bessere Wahl
Rein mathematisch klingt es einfach:
E6 hat einen höheren Multiplikator als E1. Also sollte man möglichst nur E6 fahren?
Nein.
Mit dem Grade steigt häufig auch das sportliche Niveau. Gold bei E1 bringt 10 Punkte. Wer bei einem sehr starken E6 früh ausscheidet, bekommt möglicherweise deutlich weniger oder – abhängig von Ergebnis und Regelung – keine Punkte.
Ein Trainer betrachtet deshalb nicht nur die Zahl hinter dem E, sondern unter anderem:
- den aktuellen Leistungsstand,
- die Gewichtsklasse,
- das erwartete Teilnehmerfeld,
- die aktuelle Rankingposition,
- das sportliche Ziel des Turniers,
- Reisekosten und Belastung,
- die nächsten wichtigen Starts.
Manchmal ist ein starkes E1 der richtige Wettkampf. Manchmal wird ein E3 gezielt für den Rankingaufbau gewählt. Und manchmal ist ein höher eingestuftes Turnier sportlich genau der nächste sinnvolle Schritt.
Der Grade eines Turniers kann sich ändern
Dass ein Open vor zwei Jahren E1 war, bedeutet nicht automatisch, dass es in der nächsten Saison wieder E1 ist.
Das Bylaw sieht vor, dass die Grades der anerkannten Turniere offiziell veröffentlicht werden. Veranstaltungen, Serien und Quotenmodelle können sich trotzdem von Saison zu Saison verändern.
Deshalb sollte die Frage nicht lauten:
„Letztes Jahr war das doch E2.“
Sondern:
„Welchen Status hat das Turnier in der aktuellen Saison und was steht im aktuellen Outline?“
Ranking ist Saisonplanung
Am Anfang der internationalen Wettkampfkarriere sieht der Kalender oft noch so aus:
„Da ist ein gutes Turnier – fahren wir hin.“
Auf höherem Niveau kommen weitere Fragen hinzu:
- Welche Ergebnisse verlieren in den nächsten Monaten 25 Prozent ihres Ausgangswerts?
- Welche Punkte fallen nach Ablauf ihres Zeitraums weg?
- In welcher Gewichtsklasse soll der Sportler langfristig starten?
- Wo lassen sich sportlich sinnvoll Punkte sammeln?
- Wird das Ranking für einen Grand Prix oder ein anderes Einladungsturnier gebraucht?
- Bei welchem wichtigen Turnier verbessert ein guter Rankingplatz das Seeding?
Ab diesem Punkt ist das Ranking keine Tabelle, die man erst nach dem Wettkampf anschaut. Es wird zu einem Werkzeug für die Saisonplanung.
Ein einfaches Beispiel
Angenommen, ein Junior steht in -59 kg bereits weit oben.
Er hat:
- 30 Punkte aus einem aktuellen E3-Sieg,
- 20 Punkte aus einem E2-Sieg,
- mehrere E1-Ergebnisse,
- ältere Resultate, die inzwischen nur noch mit 75 Prozent zählen.
Im nächsten Jahr verlieren einige dieser Ergebnisse erneut an Wert. Wenn der Sportler gleichzeitig in -63 kg wechseln will, helfen ihm seine -59-Punkte dort nicht weiter.
Dann lautet die Frage des Trainers nicht mehr:
„Welches Turnier wäre schön?“
Sondern:
„Welche Turniere brauchen wir für die sportliche Entwicklung – und welche helfen, in der Gewichtsklasse ein Ranking aufzubauen, in der die wichtigen Saisonziele liegen?“
Das ist eine andere Form der Saisonplanung.
Die wichtigsten Regeln auf einen Blick
- Das European Ranking wird getrennt nach Alters- und Gewichtsklassen geführt.
- Die Platzierung liefert einen Basiswert; der E-Grade ist der Multiplikator.
- Ergebnisse verlieren nach jedem abgeschlossenen Jahr 25 Prozent ihres ursprünglichen Wertes.
- Nach Ablauf des maximalen Dreijahreszeitraums fällt das Ergebnis aus der Wertung.
- Punkte bleiben grundsätzlich in der Gewichtsklasse, in der sie erzielt wurden.
- Beim Wechsel der Altersklasse wird das bisherige Ranking nicht übernommen.
- Teilnahme oder ein Bye allein garantieren keine Punkte.
- Das Ranking wird für die Setzung bei wichtigen europäischen Turnieren genutzt.
- Eine hohe Position kann Zugang zu Grand-Prix-Veranstaltungen eröffnen.
- Grade, Quoten und Einladungswege müssen für jede Saison neu geprüft werden.
Punkte sammeln ist nicht das eigentliche Ziel
Das Ranking ist wichtig. Aber ein junger Sportler sollte nicht von Turnier zu Turnier geschickt werden, nur weil dort ein E vor einer Zahl steht.
Technische Entwicklung, körperliche Vorbereitung, Wettkampferfahrung, psychische Stabilität und eine vernünftige Belastungssteuerung bleiben wichtiger.
Das Ranking ist ein Werkzeug.
Ab einem bestimmten Leistungsniveau hilft es beim Seeding, kann Wege zu Grand-Prix-Veranstaltungen öffnen und macht eine gezielte internationale Saisonplanung möglich.
Aber am Ende gilt:
Erst muss der Sportler stärker werden. Dann beginnt das Ranking, für ihn zu arbeiten – nicht umgekehrt.